Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der ich glaubte, ich müsse nur stark genug sein. Noch ein Gespräch. Noch ein Versuch. Noch ein Kompromiss. An ein Frauenhaus dachte ich nie. Nicht, weil ich keine Hilfe gebraucht hätte – sondern weil ich gar nicht wusste, dass Hilfe auch anders aussehen kann als eine Flucht mit gepackten Koffern. Aber nicht jede Frau, die Hilfe braucht, erkennt sich selbst als „hilfsbedürftig“. Man akzeptiert die Situation einfach und merkt dabei nicht, wie man sich selbst über die Jahre verliert. Nicht jede braucht/sucht deshalb sofort einen sicheren Ort. Denn manchmal braucht man erst jemanden, der einem hilft zu erkennen, was gerade passiert.
Es ist soviel falsch gelaufen damals, weil ich mich nicht getraut habe mir Hilfe zu suchen. Der größte Schritt war überhaupt zu erkennen bzw. zuzugeben, dass ich Hilfe brauche. Weil ich gehemmt war durch jahrzehntelanger Manipulation und weil ich mich geschämt habe. Weil ich versagt hatte. Weil ich nicht durchgehalten hatte. Weil ich es nicht mehr AUSgehalten hatte. Weil ich nicht mehr stark genug war. Es ist so viel falsch gelaufen, weil ich damals gar nicht wusste, welche Möglichkeiten es gibt und weil ich mir selbst nicht mehr vertraut habe. Aber das ist eine andere Geschichte und darum soll es jetzt auch gar nicht gehen (ein bisschen was habe ich mir hier von der Seele geschrieben).
Wie oft habe ich damals gehört: „Da können wir leider nichts (mehr) machen. Hätten sie das früher in die Wege geleitet, dann hätten wir…..aber jetzt ist es zu spät.“
Ich hätte kein Frauenhaus gebraucht – aber jemanden, der mich ernst nimmt. Der mich nicht verurteilt, sondern der meine Verzweiflung sieht. Jemand, der nicht nach bekanntem Schema F handelt, sondern eine Frau hinter den ganzen Formularen sieht, die Hilfe gebraucht hätte.
Wie oft hätte ich jemanden gebraucht, der gesagt hätte:
„Das, was Sie erleben, ist nicht normal.“
„Sie müssen da nicht alleine durch.“
„Es gibt Unterstützung.“
Aber ich war nur ein Termin. Wieder „so Eine“.
Das Schlimmste war, sich immer wieder „nackt“ zu machen im Sinne von „sich die Blöße geben“ oder auch „sehr sehr ehrlich sein“. Es hat nicht interessiert, wie verletzlich ich mich gemacht habe, wie ich mich in alle bürokratischen Schritte ergeben habe. Es wurde immer nur geschaut, in welches Raster ich passe. Nur ja nicht zu persönlich werden. Ich hätte mir gewünscht, dass jemand hinter der Situation den Menschen sieht.
Der Akt, mich von Allen und Allem zu lösen, hat mich unglaublich viel gekostet. Nicht Geld. Ja, das natürlich auch. Aber ich musste etwas tun, was mich unglaublich viel Überwindung gekostet hat und mich ganz ehrlich an der Gerechtigkeit und vor allem Menschlichkeit zweifeln hat lassen. Das tut es noch immer.
Ich hätte mir so viele Jahre des Suchens sparen können, hätte ich gewusst, wohin ich mich wenden kann und wo ich Hilfe bekomme.
Denn im eigenen Umfeld kamen natürlich nur „gut gemeinte“ Ratschläge. Mein Umfeld konnte (und wollte) damals nicht sehen, was wirklich passiert ist. Meinen Ex-Eltern zum Beispiel war es wichtig, dass ich mich nicht so hysterisch verhalte, notfalls mal eine Kur mache und dann kam sowas wie (da bin ich von selber natürlich nicht drauf gekommen *Ironieoff*).
- „Rede einfach mit ihm.“
- „Ich glaub das ist jetzt gar nicht so schlimm.“
- „Vielleicht versteht ihr euch einfach falsch.“
- „Aber der ist doch so nett!!!!“
- „Das kann ich mir aber nicht vorstellen, dass er so ist!“
Ich dachte immer, ich hätte versagt.
Ich dachte, ich hätte nicht genug ausgehalten.
Ich dachte, ich hätte stärker sein müssen.
Heute weiß ich: Es war nicht fehlende Stärke. Es war fehlende Orientierung.
Ja, heute bin ich auch schlauer. Manche Dynamiken lassen sich nicht mit besserer (oder noch mehr) Kommunikation lösen. Manche Menschen können leider nicht kommunizieren. Ich dachte lange, mein Problem sei meine Ehe. Heute weiß ich, dass ich manche Muster schon viel früher gelernt hatte (Mutter sei dank).
Gefangen sein heißt nicht nur, nicht gehen zu können. Es bedeutet auch, sich innerlich nicht mehr zuzutrauen, Entscheidungen zu treffen. Man zweifelt an der eigenen Wahrnehmung.
Der Tunnelblick. Wenn man lange in einer belastenden Beziehung oder Familiendynamik lebt, wird die Welt sehr klein. Man sieht oft nur noch zwei Möglichkeiten: aushalten oder kämpfen. Dass es dazwischen Unterstützung gibt, kommt einem gar nicht in den Sinn. Und man schämt sich für diese Gedanken. Und hält weiter aus.
Der Mut musste erst wieder wachsen. Ein Gedanke musste sich erst einnisten: „Ich schaffe das. Ich bin nicht falsch.“ Aus einer toxischen Beziehung oder einem destruktiven Familiensystem auszubrechen, gehört wahrscheinlich zu den mutigsten und schwersten Entscheidungen überhaupt. Das Wie hat nicht so die große Rolle gespielt. Es fehlte in erster Linie an Anlaufstellen. Solange ich glaubte, alles alleine schaffen zu müssen und keine Orientierung hatte, schien jeder Ausweg unerreichbar. Viele Betroffene (so auch ich) machen sich später Vorwürfe, dabei fehlt einem schlicht das Wissen darüber, welche Hilfsangebote existieren.
Hilfe ist mehr als ein Dach über dem Kopf
Viele denken bei einem Frauenhaus ausschließlich an Frauen, die nachts mit ihren Kindern fliehen müssen. Dass Frauenhäuser oft auch beraten, begleiten und informieren, wissen viele gar nicht. Für mich kam ein Frauenhaus nicht infrage, denn damit habe ich physisch gezeichnete Frauen verbunden. Frauen, bei denen Misshandlungen sichtbar sind. Bei mir war ja nichts sichtbar.



